Wie dich der Algorithmus nach rechts zieht
Radikalisierung passiert nicht mit einem Knall
19. September 20266 Minuten Lesezeit
Niemand wacht morgens auf und ist plötzlich Rechtsextremist. Es läuft langsam, über Videos, die immer ein kleines Stück weiter gehen. So funktioniert es und so merkst du es.
Der Trichter
Stell dir vor, du schaust ein Video über Fitness. Danach kommt eins über Disziplin. Dann eins darüber, dass „Männer heute keine Männer mehr sein dürfen“. Dann eins über „die da oben“. Dann eins darüber, wer angeblich schuld ist.
Kein Video davon war für sich genommen krass. Jedes einzelne war nur ein kleines Stück weiter als das davor. Genau das ist der Punkt.
Empfehlungsalgorithmen sind darauf optimiert, dich möglichst lange in der App zu halten. Und was hält Menschen fest? Empörung, Angst und das Gefühl, etwas zu wissen, was andere nicht wissen. Extreme Inhalte liefern das zuverlässiger als differenzierte.
Warum ausgerechnet du?
Das ist nichts Persönliches und kein Zeichen von Dummheit. Die Inhalte sind gut gemacht, oft besser als das, was Behörden oder Schulen produzieren: schneller Schnitt, gute Musik, Humor, und das Gefühl, endlich mal jemanden zu hören, der einen ernst nimmt.
Besonders wirksam sind sie, wenn es dir gerade nicht gut geht. Einsamkeit, Ärger zu Hause, das Gefühl, nirgends dazuzugehören: Genau da setzen die Angebote an. Sie bieten nicht zuerst eine Ideologie an, sondern Zugehörigkeit.
Woran du es erkennst
- Alles hat genau eine Ursache. Egal ob Mieten, Noten oder Kriminalität, immer ist dieselbe Gruppe schuld.
- Es gibt nur zwei Seiten. Wir und die. Wer Zwischentöne hat, gehört automatisch zu denen.
- „Das darf man ja nicht sagen“, gesagt in einem Video mit 500.000 Aufrufen.
- Zweifel wird als Beweis umgedeutet. Wer widerspricht, ist gekauft, naiv oder Teil des Plans.
- Es geht immer um Gefühle, nie um überprüfbare Zahlen. Und wenn Zahlen kommen, fehlt die Quelle.
- Humor als Einstiegsdroge. Erst ist es „nur ein Meme“. Wer sich beschwert, hat „keinen Humor“. So verschiebt sich, was normal ist.
Was du konkret tun kannst
- Trainier deinen Feed bewusst. Nicht liken, nicht kommentieren, auch nicht empört. Jede Reaktion zählt als Interesse. Nutz „Nicht interessiert“ und blockier den Kanal.
- Schau, wer da spricht. Wer steckt hinter dem Account? Gibt es ein Impressum, eine Organisation, eine Finanzierung? Wer nirgends greifbar ist, hat oft einen Grund dafür.
- Prüf eine einzige Behauptung. Nimm eine konkrete Zahl aus dem Video und such nach der Originalquelle. Meistens bricht dabei etwas zusammen.
- Achte auf den vollständigen Zusammenhang. Ein zehn Sekunden langer Ausschnitt aus einer Rede kann das Gegenteil von dem bedeuten, was der Clip nahelegt.
- Rede mit jemandem darüber. Diese Inhalte wirken vor allem, wenn man sie allein konsumiert.
Wenn es um eine andere Person geht
Wenn du merkst, dass jemand in deinem Umfeld immer tiefer reinrutscht: Diskutier nicht gegen jedes einzelne Video an, das führt selten irgendwohin. Frag lieber, was die Person daran gut findet. Meistens kommt dann etwas über Zugehörigkeit, Anerkennung oder Wut, und darüber lässt sich reden.
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